Bündnis für Familie Heidelberg

Kein Wickeltisch im Hörsaal

Das Studium mit Kind hält viele Hürden bereit. Sind sie für die Eltern zu meistern?

Von neun bis sechzehn Uhr leben Bjondina und Giulia ein vollkommen normales Studentenleben. Seminar, Vorlesung, Mensa mit Freunden und zwischendurch spontan einen Kaffee, alltäglicher könnten sie als Studentinnen ihre Zeit kaum verbringen. Pünktlich um 16 Uhr endet für beide das studentische Leben und sie schlüpfen zurück in ihre Rolle als Mutter. Die beiden gehören zu den circa fünf Prozent der Heidelberger Studierenden mit Kind.
Die 23-jährige Bjondina studiert Geographie und Spanisch auf Lehramt. Nach ihren Veranstaltungen an der Uni holt sie ihre dreijährige Tochter von der Tagesmutter ab. Schon vor dem Kindergarten bringt sie ihr Kind dort hin, um anschließend rechtzeitig in der Uni zu sein. Die Kosten für die Tagesmutter werden vom Jugendamt übernommen. Obwohl das Studierendenwerk 290 Kita-Betreuungsplätze bietet, war bisher keiner für Bjondinas Tochter frei. Die Geschäftsführerin des Studierendenwerks, Ulrike Leiblein, meint dazu: „Die meisten melden sich an, wenn sie schwanger sind. Wir finden immer eine Möglichkeit, jemanden unterzubringen.“ Dennoch forciert das Studierendenwerk derzeit den Bau einer neuen Betreuungsmöglichkeit. „Wir bauen für 100 Kinder eine neue Kita im Neuenheimer Feld“, erklärt sie, „allerdings sind 80 Plätze schon belegt.“ Hinzu kommt, dass die Öffnungszeiten der Kitas oftmals nicht ausreichen. Besonders durch Abendveranstaltungen an der Uni müssen Eltern zu alternativen Betreuungsmethoden greifen. Problematisch ist die Kita-Versorgung durch das Studierendenwerk auch deshalb, weil die Familienwohnungen in der Altstadt liegen und es dort keine Betreuungsplätze gibt. Dem stimmt auch Leiblein zu: „Das ist Aufwand ins Feld zu fahren. Wir haben uns bemüht mit der Universität zusammen, aber es standen keine ausreichenden Räumlichkeiten zur Verfügung.“

Als Notlösung wurde jüngst das studentische Eltern-Kind-Café „Einhorn“ in der Triplex-Mensa eingerichtet: „Ich wollte schon sehr lang einen Raum für Studierende mit Kind in den Mensen. Als das neue ServiceCenter eingerichtet wurde, bot sich dann der Platz in der Triplex-Mensa dafür“, so Leiblein. Hier können Eltern mit ihren Kindern abseits des Mensa-Getümmels spielen und für einen kurzen Moment innehalten. „Es soll natürlich für studentische Eltern sein, und darauf achten wir auch“, erklärt Leiblein abschließend.
Auch Medizistudentin Giulia ist Mutter von zwei Kindern und kennt das Problem der Kinderbetreuung während des Studiums. Sie ist 32 und nach ihrer Hochzeit direkt schwanger geworden. Zuvor arbeitete sie als Krankenschwester. Schnell wurde ihr die alleinige Mutterrolle zu einseitig und sie begann, Medizin zu studieren. Heute ist sie im neunten Semester und hat außer ihrem fünf Jahre alten Sohn eine drei Jahre alte Tochter. Auch sie bewarb sich auf einen Kita-Platz. Nach drei Monaten und täglichen Anrufen bekam sie diesen.
Bei beiden Müttern kann die Kinderbetreuung oft durch den Vater, Eltern oder Freunde geregelt werden. Dass die Universität Heidelberg für Notfälle einen Back-Up-Service anbietet, wussten sie bislang gar nicht. Hierbei kann man online über Nacht sein Kind für eine stundenweise Betreuung anmelden. Die Stunde kostet dann für Universitätsangehörige fünf Euro. Ein Service, den die Uni Köln für lediglich zwei Euro bietet.

Da das Angebot der Universität für studierende Eltern an vielen Stellen nicht ausreichend ist, wird es von verschiedenen Institutionen unterstützt. Aline Moser vom Bündnis für Familien hat das erkannt: „Studieren mit Kind setzt andere Zeitvorgaben als in der Arbeitswelt und Babysitting ist ein bedarfsorientiertes, flexibles Instrument.“ Deshalb bietet das Bündnis ein Babysitterbörse. Ein weiterer, bislang zu wenig betrachteter Punkt beschäftigt sie: „Für die Studierenden mit kleinen Kindern gibt es genügend Impulse, besonders an der Universität. Hingegen weist das Angebot an Studierende mit älteren Kindern eher Potentiale auf. In der öffentlichen Wahrnehmung ist Familienfreundlichkeit stark mit dem Gedanken an Kleinkinderbetreuung gekoppelt. Die Schulkind-Betreuung rückt langsam in den Fokus. Aber die Aspekte der Kinder auf weiterführenden Schulen, im Alter der Pubertät oder das Thema Berufsorientierung werden nur vereinzelt wahrgenommen. Dabei handelt es sich hierbei um andere Anforderungen an die Versorgung des Kindes. Das Elternsein hört nie auf. Den Fokus auf die Betreuung älterer Kinder zu legen, ist ein absolut innovativer und spannender Ansatz, denn da braucht es ebenfalls Unterstützungsangebote. Deshalb wurde an uns als Bündnis der Wunsch einer Hausaufgabenbetreuung herangetragen, um auf den nachschulischen Bereich reagieren zu können.“
Für das Abendessen geht Bjondina mit ihrer Tochter in die Mensa, denn dort kann die Kleine noch kostenfrei essen oder sie gehen nach Hause. Sie leben in einer Zweizimmerwohnung in den Familienhäusern des Studierendenwerks. Da das Landeshochschulgesetz die soziale Versorgung der Studierenden durch ein Studierendenwerk vorsieht, kümmert sich das Studierendenwerk um den Wohnraum, besonders für junge Familien und Alleinerziehende. In Heidelberg stehen sehr viele dieser Wohnungen in der Altstadt zur Verfügung, häufig sind darin WGs untergebracht, doch das käme für Bjondina nicht in Frage. Auch Leiblein betont die ausreichende Wohnraumversorgung: „Wir haben 95 Familienwohnungen hier in Heidelberg. Das ist schon eine ganze Menge, weil das echte Familienwohnungen sind.“ Bjondina und ihre Tochter nutzen in ihrer Wohnung ein Zimmer als Schlafzimmer und das andere als Wohnzimmer. Einrichten musste sie die Wohnung bei ihrem Einzug komplett. „In der Küche stand anfangs nur das Spülbecken. Geräte wie Ofen und Kühlschrank sind von mir. Wäsche waschen wir im Waschkeller.“ Viele Möbel brachte Bjondina deshalb von ihren Eltern mit. Um die restlichen Möbel und Geräte bezahlen zu können, ließ sie sich vom Studierendenwerk ein Darlehen auszahlen. Auf der Homepage des Studierendenwerks sind die Wohnungen hauptsächlich als möbliert zu beziehen.

Wenn Bjondinas Tochter gegen acht ins Bett muss, zieht die Mutter sich in Küche oder Wohnzimmer zurück, um den Haushalt zu erledigen oder zu lernen. Manchmal besuchen sie dann auch ihre Freunde. Während ihre Kommilitonen und Kommilitoninnen durch die Untere ziehen, schafft sie sich ihre Freiräume zum Durchatmen und sieht es dabei ganz gelassen: „Als Mama hat man jetzt nicht das Verlangen nach Party. Klar geht man auch Feiern, aber eben viel seltener. Und wenn ich zu einer bestimmten Sache möchte, kann ich es mit meinen Eltern oder dem Vater meiner Tochter absprechen.“

Um Müttern und Vätern das Studium zu ermöglichen, wurde im Landeshochschulgesetz eine Flexibilisierungsregelung verankert. Dies ermöglicht ihnen einen gewissen Spielraum bei Prüfungsleistungen, allerding immer in Absprache mit den Lehrenden. Bisher hatten Bjondina und Giulia keine großen Probleme, ihre Fristen und Klausuren einzuhalten. „Da ich mit zwei Kindern immer einen sehr durchgeplanten Wochenablauf habe, lerne ich immer sehr frühzeitig und organisiere mir diese Zeiten in der Woche. Kurzfristiges Lernen fällt dadurch weg“, meint Giulia. Diesen Eindruck bestätigt Bjondina, lediglich mit der Anwesenheitspflicht hatte sie bisher Probleme. „Ich bin bereits auf Dozentinnen gestoßen, die wenig Verständnis hatten, wenn ich beispielsweise ein bis zwei Fehltage mehr hatte als erlaubt, weil mein Kind krank war. Ich musste dann den ganzen Kurs wiederholen. Oft habe ich von Dozenten aber auch viel Verständnis erfahren. Vor allem bei den männlichen. Ich glaube, das liegt daran, dass sie sich nicht vorstellen können, wie schwer die Vereinbarkeit von Kind und Studium sein muss.“ In solchen Fällen mangelt es häufig auch an Kommunikation. In extremen Fällen bietet das Gleichstellungsbüro der Uni Heidelberg Hilfe an. Gleichstellungsbeauftragte Agnes Speck kann die Entwicklung der Uni auf die Vereinbarkeit von Studium und Elternsein in ihrer Beratung miterleben. „Wir bekommen die Rückmeldung, dass die Toleranz an der Universität Heidelberg für Studierende mit Kind zunimmt.“ Allerdings hat auch sie schon in Ausnahmesituationen vermitteln müssen: „Es hat auch schon die Situation gegeben, dass ein Professor eine junge Mutter nicht ‚bevorzugen‘ wollte und ihr keine Verlängerung der Abgabefrist trotz eines kranken Kindes gewährt hat. Er stellte die Situation mit der eines arbeitenden Studierenden gleich und machte für sie keine Ausnahme. Wir haben dann für die Studentin in Absprache mit dem Prüfungsamt eine neue Prüfungsmöglichkeit gesucht. Das war aber bisher der einzige Fall dieser Art.“ Im Gespräch berichtet sie dennoch von kleineren Vorfällen: „Probleme gibt es häufiger bei der Abstimmung der Flexibilisierungsregelung mit dem Landesprüfungsamt Karlsruhe. Dort gibt es doch ein paar Ausnahmefälle, die wir meistens lösen können.“

Derzeit beschäftigt das Bjondina jedoch nicht. Zusammenmit ihrer Tochter macht sie ein Auslandssemester in Salamanca. „Meine Tochter geht auch hier in die Kita und ich bin für wenige Stunden in der Uni“, berichtet sie. Auch das Gleichstellungsbüro hat nur positive Erfahrungen mit jungen Müttern im ERASMUS-Programm gemacht. Bei der Auswahl der Länder sind sie auf das Betreuungsprogramm für Kinder angewiesen. Sonst stellt der Aufenthalt kaum weitere Anforderungen an die Eltern. „Man sollte immer bedenken, dass man mit Kindern immer mehr planen und organisieren muss“, merkt Agnes Speck an, „auch eine Mutter mit vier Kindern hat sich mit der richtigen Planung den Wunsch eines Auslandsaufenthalts erfüllt.“
Inzwischen ist in der Gesellschaft angekommen, dass das Studium mit Kind kein leichtes ist. Dass es mit der nötigen Planung und einer umfassenden Organisation dennoch möglich ist, eine gute Mutter sowie eine gute Studentin zu sein, beweisen Bjondina und Giulia stellvertretend für viele Studentinnen mit Kind.

(Quelle: Ruprecht Heidelberger Studierendenzeitung. Mai 2017, Maren Kaps)